„Pfadabhängigkeit“ ist das Phänomen, dass Entscheidungen in Unternehmen nachhaltig die möglichen Handlungsräume einschränken. Man findet es in Geschäftsmodellen, Entwicklungsstrategien und vielem mehr. Das Problem: In einer Zeit, die Veränderung und Flexibilität verlangt, können festgelegte Pfade in Sackgassen führen … und ob man im Labyrinth auf den Ausgang oder direkt auf den Minotaurus zuläuft, weiß man erst, wenn es so weit ist.

Eine alte Geschichte zum Thema Pfadabhängigkeit

Eine einzige Entscheidung kann ein Unternehmen auf einem bestimmten Weg einschließen. Alle weiteren Entscheidungen vertiefen diesen Weg dann nur mehr, das Finden von Alternativen wird zusehends schwieriger. Dazu ist uns eine Geschichte (so oder so ähnlich) überliefert …

Im alten Griechenland erkannten 14 Jünglinge und Mädchen regelmäßig, dass Pfadabhängigkeit problematisch sein kann. Man wollte sie nämlich dem Minotaurus zum Fraß vorwerfen. Alle neun Jahre wurde ein 14-köpfiges, junges und dynamisches Team geopfert. Aus Dummheit oder Boshaftigkeit? Eher nicht. Eher, weil man das eben so machte. Weil die Entscheidung bereits getroffen war, und im Laufe der Jahre die Alternativen immer unsichtbarer wurden.

Erst im 27. Jahr trat eine strebsame Führungsperson auf den Plan, die das ändern wollte: Theseus. Er hatte aus einem früheren Projekt bereits Erfahrung mit Stieren und bot sich an, das Minotaurus-Problem zu lösen. (Wenn auch gegen den Willen seines Vaters, der damals nicht geändert werden konnte – Change-Management gab es noch nicht.)

Theseus ging zwar mit einem anderen Ziel an die Sache heran – aber mit derselben Strategie wie bisher (hinfahren, reingehen). Auch das hat mit Pfadabhängigkeit zu tun: Den Pfad kann man nicht verlassen, wenn man weiterhin dasselbe tut. Auch der berühmte Tunnelblick spielt bei der Pfadabhängigkeit eine Rolle. Dass die Mittel für eine erfolgreiche Veränderung fehlten, merkte Theseus nämlich gar nicht. Zweifellos wäre das Ergebnis letztlich dasselbe wie früher gewesen (alle gefressen). Aber …

Zu seinem Glück stieß Theseus auf eine externe Projektmanagerin. Ariadne. Sie tat das, was Theseus’ Tunnelblick nicht konnte: Die Situation von außen zu sehen. Aus dieser Perspektive war das Problem wesentlich sichtbarer. Theseus war so erpicht darauf, den Minotaurus zu besiegen, dass ihm die ganze Zeit ein wichtiges Detail entgangen war: Es galt nicht nur, das Stierwesen mit dem problematischen familiären Background zu ermorden, sondern auch wieder aus dem Labyrinth zu entkommen.

Ariadne war glücklicherweise eine gute Networkerin und hatte sich in dieser Hinsicht bereits schlau gemacht. Sie übergab Theseus das nötige Instrumentarium. In diesem Falle eine Art Führungsmethode: Der berühmte Ariadnefaden, ein bis dorthin übersehener – wenngleich eigentlich naheliegender – Erfolgsfaktor.

Paradoxerweise hat also gerade die Fähigkeit, den Pfad zu erkennen, dazu beigetragen, dass er verlassen werden konnte. Theseus besiegte den Minotaurus, schaffte es aus dem Labyrinth, rettete sein Team – und konnte sich an ein komplexes Zentralisierungsprojekt in Griechenland machen.

Unternehmerische Pfadabhängigkeit

Es ist nicht nur Theseus: Pfadabhängigkeit begegnet uns in allen Unternehmen. Typische Beispiele für dieses Phänomen sind Geschäftsmodelle, Entwicklungsstrategien etc. In neuerer Zeit kann auch die Softwareauswahl solche Pfade vorherbestimmen: Im Auswahlprozess sind noch viele Möglichkeiten offen, sobald aber die Entscheidung für eine bestimmte Software gefallen ist, wird etwa das Personal entsprechend geschult. Und auch, wenn die Software am Ende nicht einlöst, was man sich von ihr erwartet: Nun können eben schon alle damit umgehen, die Schnittstellen sind eingerichtet usw.

So verbleibt man rasch mit einer dauerhaft ineffizienten Lösung, statt eine Alternative zu suchen. Auch wenn die Umstellung vielleicht nur eine temporäre Hürde wäre.

Ein ganz klassisches und vielzitiertes Beispiel für Pfadabhängigkeit ist unser heutiges Tastatur-Layout. Die QWERTY/QWERTZ-Tastatur gilt unter vielen Experten als suboptimal, wurde aber unter anderem deshalb gewählt, weil die Firma Remington bei einer frühen Präsentation Ende des 19. Jahrhunderts gerne ein Layout wollte, auf dem sich das Wort „Typewriter“ leicht tippen ließ. Obwohl es in der Zwischenzeit bessere, alternative Vorschläge gab, wurde QWERTY zum Standard. Pfadabhängigkeit. Heutige Hersteller fragen sich nicht mehr, welches Layout sie verwenden sollten.

Kurz: Pfadabhängigkeit meint also, sich in einer Sackgasse vorzuarbeiten, anstatt alternative Lösungswege zu suchen. In einer Zeit, in der Veränderung ein immer wichtigerer Erfolgsfaktor wird, kann Pfadabhängigkeit für Unternehmen ein großes Problem sein, weil sie die Handlungsoptionen einschränkt – oft, ohne dass das bemerkt wird. Aber es gibt Auswege.

Gefahren organisationaler Pfadabhängigkeit – und Auswege

Die Festlegung auf bestimmte Herangehensweisen wird in Unternehmen etwa dann problematisch, wenn Neues nur mehr schwer erschlossen werden kann. So neigt man etwa dazu, den sicheren Ertrag des üblichen Geschäftes dem unsicheren einer Innovationsbemühung vorzuziehen. Das klingt naheliegend. Aber jeder Pfad kommt irgendwann an sein Ende. Wenn es sein muss, von selbst. Kundenanforderungen oder Marktstrukturen verändern sich auch ohne unser Zutun. Der Ertrag beginnt irgendwann zu sinken, erst schleichend, dann krisenhaft. Die Erarbeitung neuer Wertangebote, Vertriebsstrategien oder frischer Marktzugänge wird immer schwerer, je beharrlicher man trotzdem ist. Das kommt etwa vor, wenn eine Leistung zuerst sehr erfolgreich war.

Weitere, typische Folgeprobleme der Pfadabhängigkeit sind ineffiziente Lösungen, die man beibehält, weil sie sich schon eingebürgert haben, ein Verzicht auf die Entwicklung neuer Geschäftsmodelle oder die Erschließung neuer Märkte.

Um Alternativen verfolgen zu können, muss man oft aus der Tradition ausbrechen. Ein paar Ansatzpunkte:

  • Eine passende Unternehmenskultur herstellen

Theseus hat den Teufelskreis überwunden, indem er offen kommunizierte, Kritik zuließ und die alternativen Denkmuster von Ariadne aufnahm. Beide punkteten scheinbar mit einer guten Fehlerkultur – immerhin hat Theseus nicht sofort auf stur geschaltet, als Ariadne ihn auf seinen Fehler hingewiesen hat – und waren für innovative Zugänge offen. Innovative Ansätze in Unternehmen sollten honoriert werden. Auch wenn man sie letztlich nicht aufgreift. Organisationale Lernfähigkeit ist ein wichtiges Mittel gegen Pfadabhängigkeit, ebenso wie eine passende Führungskultur.

  • Change-Management einsetzen

Auch Change-Management ist ein bedeutendes Instrument, um zu diesen Zielen zu gelangen. Das alles hat sehr viel mit Mindsets und Geisteshaltungen zu tun. Und häufig sind Emotionen im Spiel, wenn es darum geht, etwas zu verändern. Emotionen, die bewahren wollen. Sie schützen auch eingetretene Pfade. Change-Management kann dabei unterstützen, mehr Offenheit herzustellen, und effektivere Arbeits- und Kommunikationsweisen einzuführen. Change-Management und Innovation sollten deshalb viel öfter auf demselben Blatt stehen.

  • Entscheidungsmacht teilen

Oft entsteht Pfadabhängigkeit auch, wenn Entscheidungsbefugnisse zu sehr zentralisiert sind. Wer eine möglichst diverse, interdisziplinäre Personengruppe in die Entscheidungen miteinbezieht, wird eher auf Alternativen stoßen. Dieser Komplex beginnt natürlich bereits bei der Auswahl von Personal. Theseus’ junges, dynamisches Team wurde per Losentscheid ausgewählt, und trug am Ende nichts bei; ein gutes Beispiel dafür, wie wichtig eine strategische, zukunftsgerichtete HR-Arbeit ist.

  • Frühzeitige Krisensignale beachten

Die Unternehmenszahlen sollten regelmäßig kritisch hinterfragt werden. Das, was später eine Liquiditätskrise werden kann, zeigt sich oft bereits sehr früh, etwa in einem schleichenden Margenverfall. Je früher man handelt, desto mehr Spielraum hat man (noch). Das scheint auf der Hand zu liegen, aber tatsächlich kommt es sehr oft vor, dass frühe Signale – oft genug wegen Beharrungstendenzen – ignoriert werden. Und wiederum gilt: Je länger man auf einem Pfad verharrt, desto schwerer wird man ihn verlassen können. Wenn etwa ein Leistungsangebot nicht mehr so gut ankommt wie früher, hilft ein erhöhter Marketingaufwand auf Dauer vielleicht wenig, und verschleppt das eigentliche Problem nur.

Pfadabhängigkeit und Interim Management

Theseus hat auch das vorgemacht: Personen ohne historische Involvierung sind auch für den organisationsinternen Tunnelblick weniger anfällig. Adriane konnte als Externe besser sehen, woran sein Plan krankte. Interim Manager, die nicht am internen, politischen Gängelband hängen, erkennen negative Sunk-Cost- und Buy-In-Effekte beispielsweise oft besser als Mitarbeiter und Führungskräfte, die es schon lange „so machen“.

Viele Unternehmen haben das auch schon erkannt. Nicht umsonst steht „frischen Wind einbringen“ oft auf den Anforderungs-Listen der Manager auf Zeit. Ihr meist breiter Erfahrungshintergrund kennt schlicht auch oft mehr Alternativen, als in den Unternehmen bekannt sind, die ja meistens organisch gewachsene Problemlösungs-Zugänge haben.

Die Hinzuziehung externer Dienstleister kann deshalb ein wirksames Mittel gegen die unternehmerische Sackgasse sein. Abgesehen davon, dass viele Interim Manager Change-geübt sind, sind viele auch darin erfahren, systematisch die Innovationsstärke anzuheben. Innovation ist eines der besten Mittel aus der Pfadabhängigkeit.

Kritisch ist es letztlich auch, die eigene Wettbewerbs- und Marktposition regelmäßig und systematisch zu hinterfragen und mögliche Entwicklungsszenarien konsequent durchzudenken. Eine Sackgasse ist nur halb so schlimm, wenn man weiß, wo und wann sie kommt. Vielleicht kann man dem Minotaurus auch einfach ausweichen.

Wenn Sie auf der Suche nach einem erfahrenen Experten für Geschäftsentwicklung sind, kann ich Ihnen jederzeit ein Beratungsgespräch anbieten. Ich bin ein mehrfach preisgekrönter Interim Manager mit Fokus auf der Transformation in Vertrieb und Marketing, und kann Sie etwa in der Innovierung oder Entwicklung neuer Geschäftsmodelle unterstützen.

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